Fritz Feucht – Mein Sängerleben

Die Bitte aus der Vorstandschaft, einen Bericht über mein Leben als Sänger zu schreiben, konnte ich nicht abschlagen, da ich nicht nur der Älteste im Liederkranz bin, sondern auch selten nein sagen kann.

Vom heutigen Datum ausgehen, muss ich gerade mal 88 Jahre zurückschalten, da die ersten drei Jahre von Unkenntnis geprägt waren.

Von da an ging ich jeden Morgen und auch am Nachmittag ins Kinderschüle, heute Kita genannt. Das war für mich kein schweres Los, da meine beiden älteren Brüder Paul und Albert dort schon länger als alte Insassen lernten und spielten. An den schönen Liedern fand ich dort schon meine Freude, so dass ich in kurzer Zeit auswendig und aus voller Kehle mitsingen konnte.

Geblieben ist mir bis heute das Lied: „Weil ich Jesu Schäflein bin“. Aus meiner Nachbarschaft, dem Kindergarten, habe ich es noch nie gehört. Unsere herzensgute Schwester Mina begleitete das Singen immer auf ihrem Tischharmonium, wahrscheinlich um die echten Sänger in der Spur zu halten. Sie konnte aber auch viele Geschichten meist christlicherArt erzählen, die sie so spannend vortrug, dass ich sie bis heute erzählen sehen kann. Zu diesen Erinnerungen muss noch die damalige Weihnachtszeit erwähnt werden, die mit „Ihr Kinderlein kommet“ und anderen schönen Weihnachtsliedern ausgefüllt wurde. Schwester Nina begleitete jeweils 60 Kinder vom Zugang bis zum Abgang in die Schule. Zweimal im Jahr bekam Schwester Mina Besuch von einer Kollegin mit Namen Hanna. Die nahm gleich das Heft in die Hand und ließ einen rauen Wind durchs Schüle blasen. Beim kleinsten Muckser schrie sie „du Waidag“, die Steigerung hieß dann du „Waidageter Waidag“. Ich glaubte, sie käme von einem entfernten Land.

In der Schule hatte ich schnell mein Lieblingsfach gefunden. Im Stundenplan stand „Singen“ leider nur zweimal eine Stunde in der Woche. So ist es halt im Leben, die schönsten Sachen bleiben meistens eine Rarität. Gelernt habe ich dabei trotzdem viele Heimatlieder, Jahreszeitenlieder sowie bekannte Gesangbuchlieder. Auch im zweimal wöchentlichen Religionsunterricht lernte ich viele schöne christliche Lieder, die man oft als Hausaufgabe aufgetragen bekam, um sie im nächsten Religionsunterricht auswendig aufzusagen. Ich hatte da keine Schwierigkeiten, doch haperte es bei einigen Mitschülern oft gewaltig, so dass sich Herr Pfarrer Rohrer wutentbrannt genötigt sah, mit einem tatzengebenden Stecken den Ausgleich herbeizuführen.

In diese Zeit fiel auch eine weitreichende politische Veränderung, denn das Dritte Reich übernahm das Regieren und mit ihm kamen auch Lieder, die die seither gelernten lautstark übertönten. „Deutschland über alles“ und „Die Fahne hoch“ waren jetzt die Favoriten, gefolgt von Unmengen von Kampf- und Soldatenliedern. Diese waren die singenden Gebete dieser braunen Nation. Statt der volkstümlichen Weisen dröhnte überall Marschmusik und wir Jungen sangen ‚kampfbereit‘: „Ein junges Volk steht auf zum Sturm bereit“.

Mit 12-13 Jahren wurden wir nicht nur konfirmiert,sondern auch rasch in die Hitlerjugend übernommen. Ich höre heute noch den markanten Spruch bei der Übergabe: „Ein jeder kann nicht Feldherr sein, ein jeder sei Soldat, doch jedermann in diesen Reih’n sei ein General der Tat“. Da war singen nicht gefragt, dafür aber waren Nachtmärsche und vormilitärische Ausbildung an der Tagesordnung.

Auch meine dreijährige Bäckerlehre in Stuttgart war fast sanglos durch die viele Arbeit, das Aufstehen schon um halb vier Uhr, da die Gesellen nacheinander zur Wehrmacht eingezogen und nicht mehr ersetzt wurden.
Nach meiner Lehre kam ich zur Musterung und wurde schon nach vier Monaten zum Panzerregiment 23 nach Böblingen eingezogen. Während meiner Ausbildungszeit wurde das Singen immer befohlen, was den Kameraden nicht viel Freude bereitete, da viele den richtigen Ton nicht fanden und oft nicht musikalisch waren. So mussten wir bei vielen Wiederholungen auf dem Bauch rumrutschen und dabei „Auf der Heide blüht ein kleines Blümelein“ schmettern oder das Panzerlied vier oder fünf Mal durchsingen bis die Töne versagten. Einer der Unteroffiziere labte sich zum Gerassel der Koppelschlösser auf dem harten Boden, da er freudig ausrief: „Hört ihr eure Panzerketten rasseln“.

Nach einer Funkausbildung kam ich mit sechs Kameraden zur 23. Panzerdivision, die in Stalino westlich von Stalingrad war. Ich möchte aber hier, der Länge wegen, nicht weiter berichten, doch sagen, dass ich nach vielen schweren und oft grausigen Tagen, aber auch einer schönen Zeit eiserner Kameradschaft gesund heimkehren durfte.

Nach dem Krieg wurde, soweit es möglich war, der Wiederaufbau begonnen. Ich schloss mich bald dem Kirchenchor an, um nach so turbulenten Zeiten endlich wieder gehaltvollere Lieder zu hören und mitzusingen. In dieser Gemeinschaft fühlte ich mich gut aufgehoben und die schönen Ausflüge blieben mir bis heute in guter Erinnerung.

Motorsportler vom Ort gründeten bald ihren Club, aus dem nach kurzer Zeit eine Sängerabteilung entstand. Da es aber an Notenmaterial mangelte, sang man oftmals „wild“. Da immer mehr Stimmen laut wurden, die wieder einen echten Gesangverein wollten, gründete man einen solchen mit vielen Befürwortern schon im Januar 1955. Ein großer Vorteil war dabei, dass Karl Truckses vom stillgelegten Vorkriegsverein, bei dem er Vorstand war, den Dirigentenposten übernahm. Die erste Singstunde war sehr gut besetzt, denn über 30 Sänger wollten dabei sein, in so einer Gemeinschaft mitzuwirken.

Für mich ging ein großer Wunsch in Erfüllung, eine festgesetzte wöchentliche Singstunde am Freitagabend. Dabei lernten wir mit Notenbüchern vom vorherigen Verein viele getragene und gesellige Lieder, um uns bei Besuchen der umliegenden Vereine gut einzuführen. Natürlich luden wir auch unsere Nachbarn zu unseren Veranstaltungen ein, so dass es ein freundliches Geben und Nehmen war. Auf diese Weise lernten sich die Sänger gegenseitig kennen und dabei entstanden viele gute kameradschaftliche Bande.

Ein Ausspruch sagt es deutlich: „Von allen Dingen, die das Glück des Lebens ausmachen, schenkt die Freundschaft den größten Reichtum“.

Epikur (~ 341 v. Ch-~ 271 v. Ch), griechischer Philosoph

Mit einem Herzen voller Lieder und unüberbietbarer Festesfreude feierten wir Sänger mit der ganzen Gemeinde und vielen Sängern aus der Umgebung unser 75-jähriges Jubiläum (einschließlich des Vorkriegsvereins) mit Fahnenweihe, deren Leitspruch: „In Freud und Leid zum Lied bereit“ uns schon oft zu beiden Anlässen zum festen Zusammenhalt gefordert hat.

Dem damaligen Chorleiter Heinz Dinter gebührt heute noch großer Respekt, sich dieser Herausforderung gestellt zu haben. Sein Abgang hatte private Gründe.

So war Eugen Seemann als Vizechorleiter über eineinhalbJahre in die Bresche gesprungen, bevor er den Gärtner Erhard Pfitzner als neuen Dirigenten ausfindig machen konnte.

Herr Pfitzner war ein ruhiger Bayer, der es mit der Zeit nicht so genau nahm, uns aber immerhin über sechs Jahre durch Noten und Texte, meist bayerischer Art, leitete. Sein Nachfolger war Herr Horst Vögtle aus Ensingen, ein guter Mann, denn er leitete den gemischten Chor Ensingen schon einige Jahre. Mit diesem Chor bestand eine gute Zusammenarbeit, denn es konnte der eine den andern oftmals ergänzen. Nachdem wir Eberdinger uns schon Gedanken machten über das auf uns zukommende 100jährige Fest, teilte uns Herr Vögtle mit, dass er diese große und riskante Aufgabe nicht bewältigen könne. So war unser Sucher des Vereins, unser Eugen Seemann, mit dem Vorstand Manfred Gommel gefordert, jetzt den richtigen und unerschrockenen Chorleiter zu finden, der die Herkulesaufgabe, die musikalische Leitung der Jubiläumsveranstaltung zulösen, im Stande war. Eugen Seemann war Chorleiter beim Eberdinger Kirchenchor, der in der Rosswager Kirche auftrat und kam im Gespräch mit der Pfarrfamilie Striebel auch auf unsere Chorleitersuche zu sprechen. Sie wollten gerne aushelfen, da ihr Sohn Stephan in Heidelberg Musik studierte und zur Fortbildung einen Chor suchte.

So ging es unter seiner sicheren, weil studierten Hand in ordentlichem Tempo an die circa zwanzig Lieder, die zur Aufführung in Frage kamen. Sein jugendlicher Elan ergriff auch uns Sänger, so dass das Ergebnis sich nicht nur sehen, sondern vor allen Dingen hören lassen konnte. Erwähnen möchte ich hier noch ganz kurz, dass sein Einsatz von Heidelberg aus einige Male nicht möglich war; so schickte er, damit die Singstunde nicht ausfiel, seine Freundin, die seinem Können in nichts nachstand.

Seit dieser Zeit sind bis heute 25 Jahre vergangen, doch von dem großen Los, das wir fürs 100jährige Fest gezogen haben, ist noch das ganze Kapital vorhanden; wir nehmen zum Verbrauch halt nur vom Zins.

Viele erlebten Feste und Geschehnisse, die im Laufe meiner 91 Jahre veranstaltet und geboten wurden, musste ich leider unerwähnt lassen, da sonst der Bericht die Größe der Bibel überschritten hätte.

Sagen möchte ich hier ganz bestimmt, dass mich alle Feste und Feiern, seien es Geburtstage, Hochzeiten, Abschiede auf dem Friedhof, Gründung der Jugendchöre und ihr Gedeihen, die gelebten Freundschaften und das jederzeit gute Miteinander innerhalb aber auch außerhalb des Gesangvereins in meinen Gedanken und ruhigen Stunden tief bewegen.

Abschließen möchte ich diesen Bericht mit dem zum Volkstrauertag gelernten und vorzutragenden Lied:

„Wohin soll ich mich wenden, wenn Gram und Schmerz mich drücken,
wem künd‘ mein Entzücken, wenn freudig pocht mein Herz?
Zu dir, zu dir, oh Vater, komm ich in Freud und Leiden,
du sendest ja die Freuden, du heilest jeden Schmerz.“

Schubert

Herzliche Grüße vom Altsänger Fritz Feucht